Monday, June 15. 2009KULTURNEWSFriday, June 12. 2009Nochmal unter Linken„Unter Linken“ von Jan Fleischhauer, Jahrgang 1962 und Kind von sogenannten Linken, ist der Überraschungs-Bestseller der Saison. Die Geschichte des einsamen konservativen Widerstandskämpfers, der hilflos dem linksradikalen Mainstream in Deutschland ausgesetzt ist, hat den Nerv der Leser getroffen – und verlangt nach mehr. Sumpfpost präsentiert exklusiv den Vorabdruck: „Unter Linken II – von einem, der aus Versehen noch konservativer wurde“. 1964 Irgendwas stimmt doch nicht in diesem System. Heute Nachmittag im Sandkasten hat der Bruno mir einfach ein Förmchen weggenommen! Das ist dieser überall verbreitete linke Mainstream, Enteignungen, Eigentum als Diebstahl, es werden keine Grenzen mehr respektiert. Und was macht Mama? Sitzt auf der Bank und unterhält sich! 1968 Mama sagt, dass ich den Giovanni nicht nur deswegen hauen darf, weil er ein Itaker ist. Wie immer: Die Linke verschafft sich den Schein des Höherwertigen, indem sie immer für die Interessen anderer eintritt, obwohl es natürlich vornehmlich um den Ausbau der eigenen Machtpositionen geht. So entstehen immer neue Minderheiten, deren Rechte man einfordern kann. 1969 Mama sagt, ich solle Giovanni außerdem nicht einen Itaker nennen, obwohl er doch fraglos einer ist. Das Erstaunliche ist, dass jeder, der nicht links ist, als solcher sofort erkannt und entsprechend behandelt wird. Manchmal reicht schon ein falsches Wort, wie eben „Itaker“ statt „Italiener“. 1973 Frösche aufgepustet. Alle geplatzt. Papa, dieser Gutmensch, macht extremen Stress. Die moralische Privilegierung ist wichtig für die Linke, besser zu sein als die anderen. 1976 Mama und Papa, die linken Zecken, endlich aus dem Haus. Bisschen gefeiert mit den Kumpels. Bisschen Bier getrunken. OK, bisschen mehr Bier getrunken. Das mit dem vollgekotzten Teppich im Wohnzimmer wäre vielleicht nicht nötig gewesen. Aber dann, als Mama und Papa wieder da sind, geht’s ab wie in den Mainstreammedien. Ich solle mich nicht sinnlos besaufen, predigen sie. Ich glaube ja, dass die Diskrepanz zwischen Anschauung und Leben zu dieser Strenge und Grundgereiztheit führt, die den Linken immer so säuerlich erscheinen lassen. 1978 Große Szene zu Hause: Papa ist fremdgegangen, Mama ist sauer, macht einen Riesenaufstand und verlangt eine Erklärung. Die Linke muss sich immer rechtfertigen, vor allem vor den eigenen Leuten. 1982 Gesellschaftspolitisch und kulturell dominiert die Linke das Land seit den frühen Siebzigern. Und jetzt auch noch das: Helmut Kohl ist Bundeskanzler. Die linke Hegemonie über diese Gesellschaft ist wirklich total. 1986 Mit einigen Kameraden von der Verbindung ein bisschen in der Innenstadt die Fidschis angepöbelt. Bisschen Humor zeigen, bisschen Spaß haben. Von Linken wird ja immer schon im zweiten Satz verlangt, dass ihnen das Lachen im Halse stecken bleiben müsse. Wir rufen auch im dritten Satz noch fröhlich: „Verpisst euch, ihr Scheiß-Ausländer!“ Wenn das Gefühl regiert, ist der Humor am Ende. 1996 Heute erstmals dieses Internet gesehen. Auch dort: überall nur Links, Links, Links. Ich denke, ich muss da mal ein Buch drüber schreiben. Thursday, May 28. 2009Musikantenstadl Teil 3Der Laster rollt, das Laster rollt mit! Weiter geht die rasante Jagd samt Boxenstop und Antifa-Luder, Dank The Truck King FLO auch mit uns! Die Tage ziehen so ins Land, hab einigermaßen `nen Rhythmus gefunden (also ich meine Schlaf- und nicht Schunkelrhythmus) und harre der Dinge die kommen mögen.
Thursday, May 14. 2009Absichtlich einen fahrenlassenAuf Spiegel Online darf derzeit ein Jan Fleischhauer mit immer neuen Einsichten in den desolaten Zustand "der Linken" Seiten vollmachen, etwa, "Warum die Linken die Krise nicht lösen können" oder "Warum Linke keinen Humor haben" etc.pp. In seiner Lebensbeichte "outet" sich der Redakteur des bekannten linksradikalen Wochenmagazins als "Linker, der aus Versehen konservativ geworden ist".
Ohne diese wertvolle Zusatzinformation im Hinterkopf wäre ein ahnungsloser Leser nach der Lektüre der gesammelten Traktate wohl eher zu dem Schluß gekommen, bei dem Verfasser handele es sich um ein klein’s Stückchen Leerdamer (Weichkäse), das aus Versehen schimmelig geworden ist. Oder um ein lustig’ Häuflein Grützwurst (z.B. Kalbskopfsülze), das aus Versehen zu lange in der Hitze gelegen und drum leider umgekippt ist (und jetzt auch ein bisserl komisch riecht). Oder um ein eitel-albern’ Spinnerlein, das aus Versehen zu einem kapitalen Sack voll warmer Luft sich aufpustet. Aber so weiß man ja jetzt zum Glück Bescheid! Hoffentlich passiert dem Schreiber nichts, jetzt, wo alles raus ist und er in sein Spiegel-Büro kommt und alle ihn vorwurfsvoll anstarren, womöglich hat es seine Mutter schon erfahren, die mit ihm aus linken Erwägungen niemals bei Mc Donalds essen war und alle CDU Mitglieder für terroristische Marsmenschen hält wie alle Linken; am Ende stirbt sie vor Gram in ihrem Altenheim oder dreht sich im Grabe, ach, man möchte gar nicht daran denken! 60 Jahre Grundgesetz und immer noch solche Risse , ja Kluften in der Gesellschaft! Ein Waffenstillstand, geschweige denn eine Zusammenarbeit der beiden verfeindeten Lager aus SPD und CDU scheint in dieser angespannten Lage immer noch unvorstellbar. ![]() Absichtlich schwarz geblieben: CSU-Mitglied im schwarzen Block Monday, May 11. 2009Stadt der kurzen WegeMit diesem Slogan versuchte die Stadt Leipzig, sich als Olympiabewerber gegen London, Paris, Moskau, New York und Madrid durchzusetzen. Nachdem dies nicht geklappt hatte blieben die kurzen Wege- oder sollte man angesichts dieses Bildes besser sagen: die Ausweglosigkeit? Hat die Staatsmacht im Osten schon wieder alle Fäden in der Hand? Das Fassungsvermögen des Polizeireviers in der Ritterstraße dürfte jedenfalls kaum ausreichen, wenn sich alle an diesen Wegweiser halten. ![]() Wednesday, April 29. 2009Weiter mit GebrummDie Reise mit dem Truckerkönig geht weiter in unser sympathisches Nachbarland mit den bislang wenigsten Schweinegrippefällen (0)! Nach einer mehrstündigen Anreise, auf der ich schon mal Thursday, March 26. 2009Für die Unendlichkeit der Currywurst gibt es genau zwei Experten: Titanic-Redakteur Oliver Maria Schmitt und Flo, den Truckerkönig. Letzterer verwöhnt uns ab heute wieder mit frischgebackenen Roadstorys, wie gewohnt Straight From Hell! MusikantenstadlMeine Krankenkasse empfiehlt sich zum neuen Jahr mit freundlichen Grüßen und dem nett gemeinten Hinweis, ich solle mich doch bei Gelegenheit mal um meine berufliche Situation kümmern, sei ich doch schon seit 1.November gekündigt. Ich hole mir direkt eine Flasche Sekt und lasse den Korken knallen. Doch dann kratzt sich langsam ein Bild vor mein inneres Auge und ich sehe mich in der Hartz4 Schlange im Arbeitsamt stehen. Zusammen mit einigen meiner liebsten Mitbewohner und Freunde zwar, trotzdem aber mittellos. Nach einigen Telefonaten und ausgedehnter Internet-Recherche zum Thema Kündigungsschutz meinerseits klärt sich die Situation. Der Chef hatte verucht mich zu erreichen, aber auf die Mailbox zu sprechen erschien ihm zu profan, er entschied sich für die saubere knackige Variante der direkten Abmeldung bei der Krankenkasse. Nachdem er eine Nacht darüber geschlafen und die rechtliche Lage überblickt hatte, dachte er sich eine schöne Gemeinheit aus: Er stelte mich wieder ein, zahlte rückwirkend meine Krankenkasse und schickte mich für einen Monat auf Musikantenstadltour. Friday, March 20. 2009Schon wieder FreitagIch weiss nicht was ich tun soll ich weiss nicht wohin es ist mal wieder freitag und da muss doch was passiern ich gehe in die kneipe es ist immer die gleiche warte auf irgendwas und besauf mich dabei es ist wieder mal rock´n´roll freitag Nach dem fünften bier hau ich alles kaputt stell mich an den flipper und wichs mir ein´ astrein stell mich an die theke red über musik freu mich über lou reed und komm ganz groß raus HANS-A-PLAST Saturday, March 7. 2009Fatale KettenreaktionMonday, February 23. 200915 Dinge, an denen Sie erkennen, dass wirklich Rezession istVon Paul Bokowski 1. Ihrem Fallmanager im Jobcenter wurde gekündigt. 2. Sie wachen morgens auf und stellen fest, dass Ihre Bank teilverstaatlicht wurde. 3. Sie träumen von einer bahnbrechenden Karriere wie Adolf Merckle. 4. Zu Weihnachten gab es bei Ihnen keinen Gänsebraten, sondern Nachbars Katze. 5. Zu Ostern gibt es bei Ihren Nachbarn keinen Hasenbraten, sondern Sie.
Konjunkturpaket mit alten Jeans und Bohnenkaffee. 8. In der Hoffnung auf ein besseres Leben haben Sie beschlossen, nach Nordkorea auszuwandern. 9. Sie rufen Ihre Tante zweiten Grades an und fragen nach einem Mietzuschuss. 10. Ihre Tante zweiten Grades ruft bei Ihnen an und fragt nach einem Mietzuschuss. 11. Sie haben gerade eben den neuen Stauffenberg-Film im Kino gesehen und denken trotzdem, dass früher alles besser war. 12. Sie gehen zu einer Satiriker-Lesung, die läppische 7,50 Euro Eintritt kostet, und fragen an der Kasse trotzdem nach einer Ermäßigung. 13. Obwohl Sie noch nie zuvor bei dieser Satiriker-Lesung waren, kennen Sie mindestens zwei der Vortragenden schon vom Arbeitsamt. 14. Um Heizkosten zu sparen haben Sie sich angewöhnt, nach dem GV doch wieder mit Ihrer Frau zu kuscheln. 15. Sie schauen sich im Fernsehen das Dschungelcamp an und spüren Futterneid. Sunday, February 8. 2009Nachruf auf das Raucherabteilvon Heiko Werning Ich mag Raucher. Rauchen hat so etwas angenehm Unvernünftiges, es ist so schön gegen den Zeitgeist, es hat etwas sympathisch Fatalistisches. Rauchen erinnert mich an heimelige Winterabende in meiner Kindheit, an denen mein Vater mit mir vor dem Fernseher saß und das Wohnzimmer in Qualm einhüllte, bevor er schließlich an Lungenkrebs starb. Rauchen erinnert mich an die erste Zeit in Berlin, wie aufregend es war, die Nächte durchzuzechen und sich die Köpfe heiß zu reden, während mein Mitbewohner Bernhard problemlos ein bis zwei Schachteln am Stück in sich hineinsaugte und überfüllte Aschenbecher zwischen leeren Bierflaschen zurückblieben. Rauchen und Raucher sind für mich einfach positiv assoziiert. Und glaube doch keiner den Schmu von den volkswirtschaftlichen Schäden. Jeder Raucher entlastet die überstrapazierten Rentenkassen, und auch die Krankenkasse dürfte sich freuen, wenn der Raucher mit verengten Herzkranzgefäßen ohne großes Gejammer kurz und bündig infarktbedingt abtritt, statt dass sie jahrzehntelanges Kränkeln, Siechtum und Demenz einfach nicht sterben wollender Gesundheitsgreise bezahlen muss. Dementsprechend habe ich mich im Zug auch immer sehr gern in das Raucherabteil gesetzt, obwohl ich selbst nie geraucht habe. Dennoch waren die Raucher immer sehr tolerant mir gegenüber. Die Stimmung war angenehm entspannt, zufrieden pafften sie vor sich hin und machten wenig Krach. Wir waren eine verschworene Gemeinschaft, und wir fanden immer einen Platz, ganz ohne dass sich jemand zum »Bahn-Comfort«-Deppen hätte machen müssen. Natürlich, nicht jeder Nikotinsüchtige ist auch gleich ein besserer Mensch. Eine Sorte von Rauchern habe ich aufrichtig gehasst: Was sind das für Menschen, die selbst rauchen, darauf nicht einmal während einer dreistündigen Zugfahrt verzichten konnten, sich aber dennoch in ein Nichtraucherabteil setzten? Alle halbe Stunde kamen sie angehastet, strichen durch das Raucherabteil, fragten mich, ob neben mir noch ein Platz frei sei, dann schmauchten sie ihre Zichte weg, klagten über die schlechte Luft und flüchteten wieder auf ihren Platz im Nichtraucherabteil. Manchmal produzierten diese Gestalten ein einziges Hin- und Hergerenne. Im Abteil war es dann so geschäftig wie in der Bahnhofshalle. Während wir einfach unsere Ruhe haben wollten, quetschten sie sich durch die Gänge, kamen im schlimmsten Fall gar noch in aufgeregt schnabbelnden Grüppchen an, die sich wie Heuschrecken auf die leeren Sitze verteilten, und dann grölten sie sich irgendwas über ihren Wochenendtrip zu. Schlimm! Wer raucht, soll Rauch auch ertragen können, sonst möge er bitte damit aufhören. Was ist denn das für eine Art, andere Leute einzuqualmen, um sich dann selbst umgehend als Frischluftfanatiker zu gerieren? Überall Unruhe verbreiten, das Tischchen neben mir herunterklappen, sich eine drehen, nur um es dann geräuschvoll wieder hochdonnern zu lassen, sobald sie hektisch aufgeraucht hatten und panikartig das Abteil verlassen mussten, damit nur ja ihre schönen Designerklamotten nicht zu riechen begannen. Wer raucht, der soll auch riechen! So hat die Natur das nun mal eingerichtet. Es ist dasselbe Elend wie mit Leuten, die in verrauchte Kneipen gehen, sich dann darüber beschweren, dass es dort verraucht sei, und anschließend irgendwelche wahnsinnigen Nichtraucherschutzgesetze zusammenklöppeln, die es ihnen am Ende ermöglichen, in Läden zu gehen, in die die, die die Läden erst zu interessanten Läden gemacht haben, nun nicht mehr gehen, weil sie dort nicht mehr rauchen können. Dann sitzen sie da, beklagen, dass hier ja auch nichts mehr los sei, und gehen dorthin, wo Leute gemütlich zusammensitzen, um zu trinken, nur um dann vermutlich bald darauf für Gesetze zu kämpfen, dass nicht mehr dort getrunken werden darf, wo jeder hingehen kann. Hört mir gut zu: Wenn ihr keine verrauchten Kneipen mögt, dann geht dort einfach nicht hinein! Das merkt man doch! Und zwar nicht erst am Raucherbein. Fahrt halt ins Grüne! Da ist gute Luft. Geht spazieren! Den ganzen Tag. Aber terrorisiert nicht andere damit! Es war so schön im Raucherabteil. Da ist doch niemand hineingezwungen worden! Warum also hat man uns diese Oase des Friedens genommen? Ja, ja, die Schaffner. Erstens rauchen die doch eh selbst alle, und zweitens: Dürfen Bergleute demnächst eigentlich auch einen staubfreien Arbeitsplatz einklagen? Dienen Soldaten nur noch, wenn sie vor gesundheitsgefährdenden Stoffen wie Patronenhülsen gesetzlich geschützt werden? Dürfen Feuerwehrleute nicht mehr losziehen, wenn an ihrem Einsatzort nicht garantiert werden kann, dass es dort rauchfrei zugeht? Und können die eigentlich alle nicht lesen und in ihre Arbeitsverträge oder ihre Stellenbeschreibung gucken? Und jetzt sagt mal, ihr Sauerstofffetischisten: Riecht das eigentlich besser, diese nun nicht mehr gnädig übertünchte Mischung aus überreichlich aufgetragenen Duftwässern, aus hartgekochten Eiern und Angstschweiß, Angstschweiß von der Angst vor einem nicht bis ins Letzte sicher zu planenden Leben? Was guckt ihr denn jetzt so verständnislos? Heute also muss ich mir einen Wagen mit Nichtrauchern teilen. Schön ist das nicht. Schon lange, bevor der Zug ankommt, raffen sie umständlich und geräuschvoll ihre Sachen zusammen. Der Zug rollt noch gemütlich durch Brandenburg, es sind noch fast 15 Minuten bis Berlin, im Raucherabteil hätten die Mitreisenden sich noch gemütlich ein letztes Zigarettchen angezündet. Jetzt fangen alle synchron an, herumzurauscheln und -zurascheln, ihre grauenhaften Rollkoffer in den Gang zu donnern, und dann wollen sie sich schon mal vor die Tür stellen. Dort stehen aber schon die anderen Ausgangsidioten mit ihren Rollkoffern und machen alles voll. Da ist kein Platz für noch mehr Idioten. Deshalb stehen sie dann im Gang meines Wagens. Ich hätte noch 15 angenehme Zugfahrminuten vor mir, ich könnte noch entspannt einen ganzen Absatz lesen, aber neben mir stehen sie, gucken mir von oben ins Buch und griffeln ständig auf meine Kopflehne, weil sie sich kaum auf den Beinen halten können, wenn der Zug mal etwas schwankt. Was soll das? Wovor haben die Angst? Dass sie den Weg nicht rechtzeitig finden? Dass sie sich verlaufen könnten in den Weiten des Zuges? Dass sie 30 Sekunden später als andere auf den Bahnsteig treten könnten, weil sie sich nicht rechtzeitig in die Deppenschlange eingereiht haben? Ich sag’ denen mal was: Ich fahre seit Jahren Zug. Viel Zug. Verdammt viel Zug. Ich stehe immer genau dann auf, wenn der Zug in den Bahnhof rollt. Das ist keine Magie. Das sieht man, wenn man nach draußen guckt. Und man kann meiner Erfahrung ruhig glauben: Egal, wo man sitzt – es ist nie weiter als 15 Meter bis zum nächsten Ausgang. Das schafft man ohne weiteres. Das findet man auch. Ganz gemütlich. Ich bin noch nie nicht rechtzeitig ausgestiegen. Ich habe Züge verpasst, ich habe sogar mal vergessen, in einen einzusteigen, weil ich gedankenverloren am Bahnsteig träumte, aber ich bin immer rechtzeitig aus dem Waggon rausgekommen, das ist ganz unkompliziert. Die sollen gefälligst sitzen bleiben, bis der Zug angekommen ist! Und nicht andere mit ihrer Paranoia nerven! Aber damit nicht genug. Früher hatten meine Mitreisenden eine Kippe im Mund und hielten daher selbigen hübsch geschlossen. Heute muss ich mir das anhören, was Menschen mit ihrem Mund anstellen, wenn sie gerade mal nichts zum Reinstecken haben. Wer schützt einen eigentlich vor solcherlei psychischen Beeinträchtigungen? Sind 3 000 Opfer von Passivrauch nicht letztlich ein vertretbarer Kollateralschaden im Vergleich zu dem, was man durchstehen muss, wenn man ungewollt zum Zuhörer einer sinnlos plappernden Meute wird? Wer handelt gegen Passivplappern? Wer unternimmt beispielsweise endlich etwas gegen Leute, die in der Bahn über die Bahn nörgeln? Würdelose Kreaturen, die sich aufregen, wenn sie nach einem Personalwechsel ein zweites Mal ihren Fahrschein zeigen müssen. Was für eine Zumutung! Sie müssen noch einmal in ihre Tasche greifen! Ein Skandal! Sie können es kaum fassen, dass man das Personal nicht einfach von München bis Hamburg im Zug festtackert. Statt dass sie ehrfürchtig bestaunen, wie es den Zugbegleitern, diesen Gedächtnisvirtuosen des 21. Jahrhunderts, gelingt, sich über Stunden die Gesichter hunderter stets wechselnder Passagiere mit atemberaubender Trefferquote zu merken. Statt dass sie demütig und dankbar zur Kenntnis nehmen, dass sie nicht nach jedem Halt wieder ihren Fahrschein zeigen müssen, wie es zweifellos der Fall wäre, würden geistige Zwerge wie sie selbst die Kontrollen vornehmen und schon nach dem Durchschreiten eines halben Wagens alles wieder vergessen haben. Und wie sie sich dann erst ereifern, wenn der Zug mal ein paar Minuten später ankommt. Wie sie die Augen verdrehen, wenn die höfliche Verspätungsdurchsage aus dem Lautsprecher ertönt, wie sie den Schaffner mit spitzen Bemerkungen traktieren, wie sie Sätze sagen wie: »Natürlich, die Bahn mal wieder!« Haben die alle so dermaßen wichtige Termine, dass die paar Minuten über ihre Zukunft entscheiden? Wenn die wirklich etwas Wichtiges zu tun hätten, wenn irgendwer sie wirklich erwarten würde, dann wäre es auch kein Problem, wenn sie zehn Minuten später einträfen. Dann wäre es nicht mal ein Problem, wenn sie eine Stunde später einträfen. Ja, selbst wenn sie ihren Anschluss verpassen! Na und? Das passiert halt gelegentlich. Warum setzen sie sich nicht die Dreiviertelstunde in ein Café, halten den Mund und warten? Genießen die unverhoffte Zeit für sich selbst, die eine höhere Macht ihnen plötzlich geschenkt hat? Lesen was Feines? Oder rauchen eben eine und lassen die Gedanken dabei schweifen? Ja, aber mit Denken ist natürlich nichts, wenn man stets mit den Augen kullern und herumbrüllen muss: »Hach, die Bahn mal wieder!« Die sollen sich mal zu den anderen Irren auf die Autobahn gesellen. Und dann mal eine Prognose für ihre Ankunftszeit auch nur auf eine halbe Stunde genau wagen, wenn sie mehr als 300 km fahren. Mal sehen, wer dann die Augen verdreht. Ich fahre regelmäßig 500 km und mehr. Und es ist fast wie ein Wunder: Fast immer komme ich auf die Minute so genau an, dass ich mich bedenkenlos am Bahnhof abholen lassen kann. Und das trotz eines komplett durchgeknallten Bahnchefs, dessen ehrgeizigstes Ziel es ist, das Unternehmen kundenfrei zu granteln, damit er endlich in seine schöne Luftfahrtbranche darf. Sie sollten ehrfürchtig sein, dass die Bahn es trotzdem so gut schafft! Liebe Bahn, wenn man in deinen Zügen schon nicht mehr rauchen darf – könntest du nicht trotzdem einfach wieder die Raucherabteile einführen? Wo dann nur Raucher sitzen dürfen? Dafür, versprochen, würde ich sogar doch noch mit dem Rauchen anfangen. Thursday, February 5. 2009Es geht noch tieferIm täglichen Todeskampf um Quoten, Leser und die unterirdischste Phrase ist den Medien, allen voran den Tagesthemen im Zusammenhang mit der Kritik am deutschen Papst eine neue Begrifflichkeit eingefallen: "Holocoust-Affäre" lautete die Wortschöpfung in der Anmoderation von Caren Miosga, bei der man sich zuverlässig sicher sein kann, dass sie kein Wort von dem versteht, was sie faselt. Diese kleine Affäre also wartet wohl nur darauf, dass der Papst nun auch über sie "stolpert" und man kann nur hoffen, dass er sich im Straucheln nicht auch noch an einer Antisemitismuskeule verletzt. Und wenn wir einmal auf dem Plüschtierfriedhof angekommen sind: Wann kommt, ARD, die Vorabendunterhaltung "Kinder malen die Shoa"? Tuesday, February 3. 2009Zwölf Trailer für ein BelastungstraumaMit dem Fernsehfilm “Willkommen zu Hause”, der am Montagabend ausgestrahlt wurde, brach die ARD ein Tabu. Erstmals wurde die Hauptrolle mit einem Klon von Til Schweiger besetzt. Der spielt den fiktiven Bundeswehrsoldaten Ben, dem, eben aus Afghanistan zurückgekehrt, im heimischen Deidesheim nichts mehr so recht gelingen will. Das Spiegelei brennt ihm an, die Stereoanlage spinnt und in der Beziehung kriselt es mächtig. Als ihm dann die Verkäuferin im Supermarkt auch noch ein Stück Schokolade verweigert, brennen bei ihm alle Sicherungen durch, er springt ins Ketchupregal und inszeniert ein Massaker. Die Diagnose ist schnell gestellt: Ben leidet am posttraumatischen Belastungssyndrom (PTBS). Wie Tausende anderer Heimkehrer der ISAF-Mission kann er die Heimatfront nicht mehr vom Hindukusch unterscheiden, die schwangere Freundin wird zum ballernden Glascontainer, der beste Freund zum Mudschahedin in Zivilkleidung.
Wie die meisten seiner Kameraden hatte Ben sich auf einen abenteuerlichen Fronturlaub mit Lagerfeuer und Wasserpfeife gefreut. Doch was ihn im fernen Afghanistan wirklich erwartete, darüber kann er in Deutschland mit niemandem reden. Brandgeruch, Suppe aus dem Blechnapf und die Lektüre von Rudolf Scharpings “Wir dürfen nicht wegsehen”- dies sind nur einige der Grausamkeiten, die die jungen Rückkehrer fortan mit sich herumtragen müssen. Die Vielzahl der Soldaten, die sich inzwischen wegen PTBS krankmelden, trifft die Verantwortlichen in Politik und Bundeswehr völlig unvorbereitet. “Im letzten Krieg hat eine Generation von Soldaten ganz andere Sachen gesehen. Aber außer Wolfgang Borchert hat sich von denen keiner beschwert”, lautet es aus der Stabsführung. Bisher wurden die Kompanien, in denen das PTBS ausgebrochen war isoliert und gekeult. Aber als es mehr und mehr zu Personalengpässen kam, wurde die Kritik an dieser Praxis lauter. Die Forschung entwickelte eine Therapie, nach der die Soldaten wieder repariert und gestählt an die Front zurückgeschickt werden konnten. Noch sind zwar die wenigsten der Krankgeschriebenen wegen des Traumas in Behandlung, doch da seit 01.01. 2009 die Krankenkassen viel Geld für jede gelungene Diagnose erhalten, wird mit einem flächendeckenden Ansturm auf psychiatrische Anstalten zu rechnen sein. Die Behandlungskosten sind noch gar nicht zu überblicken, da melden schon weitere Berufsgruppen ihre Forderungen an. Die Altenpflegerin Sabine Z. Aus Tübingen ist ebenfalls am posttraumatischen Belastungssyndrom erkrankt und will sich nun therapieren lassen. “Beim Abendessen fielen mir die Windeln der Heimbewohner ein, ich begann selbst zu kleckern wie sie, schrie im Schlaf, vergaß meinen Geburtstag”, erinnert sich Frau Z. Sie vernachlässigte den Haushalt, war auch im Job nicht mehr zu gebrauchen und wurde selbst zum Pflegefall. Auch sie hatte sich ihren Beruf vorher anders vorgestellt: “Bei Altenpflege dachte ich an vorlesen, Gymnastik, kegeln und so weiter. Was erlebte ich statt dessen? Nichts als Scheiße!” Björn Rietschel, Metzger “aus Leidenschaft”, wie er behauptet, war .wegen des PTBS schon wochenlang krankgeschrieben. “All die Tierleichenteile, das Blut auf der Schürze. Wenn ich abends vor einem Teller Innereien sitze, dreht sich mir der Magen um”, gibt er zu. Inzwischen trägt er eine Schürze mit der Aufschrift “Montags könnt ich kotzen”. Auch aus der Imkerbranche werden immer mehr Fälle des PTBS bekannt. “Jeder Stich geht unter die Haut”, sagt Volker Summt, Vorsitzender des Imkervereins “Biene Maja”, der obdachlos gewordenen Bienenvölkern ein Dach über dem Kopf bietet. ”In letzter Zeit kommen aber auch immer mehr Imker mit Dachschaden zu uns”, stellt er besorgt fest. Am weitesten verbreitet ist das posttraumatische Belastungssyndrom selbstredend bei Postangestellten. Gaben vor drei Jahren noch 75% aller Postmitarbeiter eine Bankkarriere als ihren Traumberuf an, so sind jetzt 84% der Meinung, sie hätten seit Jahren ein Posttrauma. Doch auf den Film, der über die Bedeutung solch undurchsichtiger Statistiken aufklärt, werden wir wohl lange warten können.
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